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Die Phantastik des Realen
Zur Kunst von Frank Seidel

Der Bildhauer, Maler und Zeichner Frank Seidel hat seit dem Beginn seiner künstlerischen Arbeit in den frühen 1980er Jahren das existentielle Moment seiner nach Verortung suchenden Figurationen in ganz starkem Maße betont. Lange Jahre dominierte in seinem Schaffen die Plastik, die den menschlichen Körper als eine beklemmende Symbiose von realer Gestalt und surrealer Disproportionierung in den Raum stellte. Es entstanden Leiber, die wie aus archaischen Gründen heraufgespült und in ihrer verkrustet-gestischen Ausformung als Inbegriff einer elementaren Kreatürlichkeit erscheinen. Diese fragilen Körperzeichen, die gleichermaßen von aufgewühlter Aktivität und bedrängendem Schweigen bestimmt werden, gehörten in der Kunstszene der späten DDR zu jener Aufbruchsbewegung, die bedingungslos eine neue Subjektivität einforderte.

Seit Mitte der 1990er Jahre kam im Schaffen des Berliner Künstlers die intensive Beschäftigung mit der Malerei hinzu, die die Gestaltung mit der Skulptur zeitweise an den Rand drängte und heute zum Schwerpunkt seiner schöpferischen Arbeit geworden ist. Eine Fülle von Zeichnungen, die seit Anfang an seine gestalterische Tätigkeit begleiteten, hat diese überraschend eintretende Verlagerung zweifellos mit vorbereitet. Doch führte Seidel mit seinen nun in die Fläche eingebundenen Gestaltfindungen durchaus die Intentionen weiter, die auch schon in seinen plastischen Körpergebilden anzutreffen waren, nur dass jetzt Farbe, Raum und eine stärkere Offenheit der Form neue Ausdrucksmöglichkeiten boten. Unverkennbar aber bleibt die skulpturale Akzentuierung auch in seinen Gemälden präsent.

Versucht man, das Wesen seiner Kunst etwas näher zu beschreiben, so umreißt ein Grundaspekt in besonderem Maße seine kreative Welt: Die Arbeiten von Frank Seidel sind von einer eminent skurrilen, untergründigen Phantasie getragen, die ihre Form in einer permanenten Reibung an der sinnlich fassbaren Realität findet. So entstehen zugespitzte dramatische Bildkonstellationen, welche für den Betrachter zugleich Herausforderung und Stärkung bedeuten.

Seine Werke muten an wie bildnerische Ausschläge eines eruptiv aufgeladenen Impulses, der auf ein starkes Konfliktpotential von gegensätzlich gepolten Spannungen verweist, die unablässig auf einen Ausgleich drängen. Basierend auf der organischen, plastischen Körperform, die er gleichsam roh, archaisch unverbraucht und fleischlich in Szene setzt, schlägt uns einerseits die ungeschminkte Aggressivität elementar-naturhafter Lebensenergie entgegen, auf der anderen Seite aber spüren wir überrascht eine scheinbar handlungsunfähige, verletzbare Körperlichkeit, die uns als schmerzliche Gefährdung berührt. Die kraftvolle, den Raum fast aufsprengende Wucht steht einer erstarrten Bewegungslosigkeit gegenüber, die in sich selbst rotiert, ohne einen Ausweg zu finden.

So sehr die Unendlichkeit des Natürlichen seine plastischen, malerischen und zeichnerischen Formen immer wieder durchströmt, so sehr greift andererseits die fast gewaltsame Brechung in seine farbintensiven, rhythmisch durchpulsten Kompositionen ein: Seine Figurationen zielen auf die Ganzheitlichkeit des Seienden ab, tragen aber Momente ihrer eigenen Auflösung zugleich in sich, was zu einer beklemmenden Auseinandersetzung zwischen Bindung und Entbindung führt. Das alles bewirkt eine eigenwillige Verfremdung bekannt erscheinender Tatbestände, in der sich Distanz und Nähe, Abstraktion und Einfühlung oder traumatische Vorstellung und diesseitige Verankerung wechselseitig miteinander vereinen.

Die Gemälde von Frank Seidel erweisen sich als handfeste Spurenelemente, die innerlich Geschautes, im Realen Gefundenes und spielerisch miteinander Konfrontiertes zu erstaunlichen, neu geschauten Zeichenformationen verquicken und so in seiner künstlerischen Manege zur Aufführung gelangen. Der Konflikt, dem er eine bildnerische Sprache verleiht, besteht in hohem Maße aus dem Widerstreit eines bestimmbaren Bezuges zu Körper, Natur und Umwelt und einem unbestimmbaren Entzug aus genau diesen Bereichen; er setzt der Greifbarkeit des Realen ein Außer-Kraft-Setzen von rationalen Strukturdeutungen gegenüber.

Frank Seidel steht mit seiner vitalen Gestaltbeschwörung in der Tradition einer Kunst, die - von mittelalterlichen Grotesken bis zu Francis Bacon, von Goya bis zu Jean Dubuffet und den Künstlern der Gruppe "Cobra" reichend - Schwellenbereiche zwischen vertrauter Realität und gespinstartiger Phantasie behandelt. In seine Arbeiten fließen Romantik und Verismus, dadaistische Materialcollagen und psychischer Existentialismus gleichermaßen ein. Er setzt damit Dimensionen frei, die in ihrer eindringlichen Formverwandlung Grenzmarkierungen unseres existentiellen Seins in eine ausgesprochen expressive Anschaulichkeit stoßen.

Fritz Jacobi
Berlin, 2007


 
 
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